Wenn ich an meine Zeit in Oudtshoorn denke, sind es weniger einzelne Ereignisse als die vielen Begegnungen mit Menschen, die mir in Erinnerung geblieben sind. Besonders präsent sind die Kinder im Center: ihr Lachen, ihre Energie, aber auch die Momente, in denen Verständigung schwierig war und wir trotzdem miteinander in Kontakt kamen.
Insgesamt habe ich das Projekt in Oudtshoorn zweimal besucht und dort etwa ein Jahr verbracht. Dadurch durfte ich nicht nur einen kurzen Einblick in das Leben vor Ort bekommen, sondern konnte Entwicklungen beobachten, Beziehungen aufbauen und mit der Zeit immer besser verstehen, wie vielschichtig der Alltag im Township ist.
Das Leben dort ist von Gegensätzen geprägt. Armut und soziale Ungleichheit sind allgegenwärtig. Manche Kinder kommen in das Center, weil sie dort eine Mahlzeit, Kleidung, Betreuung oder einen sicheren Ort finden. Andere werden geduscht, versorgt oder zum Arzt gebracht. Immer wieder begegnete ich Menschen, deren Lebenssituation von Obdachlosigkeit, schwierigen Wohnverhältnissen oder fehlender sozialer Unterstützung geprägt war. Gleichzeitig erlebte ich Kinder und Jugendliche, die mit großer Selbstverständlichkeit spielen, tanzen, lachen und ihre eigenen Vorstellungen von ihrem Leben entwickeln.

Besonders deutlich wurde mir dabei, dass die politischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen nicht irgendwo weit entfernt stattfinden. Sie sind im Alltag spürbar. Wenn Unterstützung durch soziale Dienste ausbleibt, wenn Drogenprobleme Jugendliche und Familien betreffen, wenn Wohnsituationen unsicher sind oder der Strom ausfällt, werden strukturelle Probleme ganz unmittelbar zu persönlichen Erfahrungen.
Mein Jahr dort bestand aus Glaube, Sport, gemeinsamen Mahlzeiten, Tänzen, kreativen Angeboten und unzähligen kleinen Begegnungen. Aus Kindern, die mich zum Lachen brachten. Aus Jugendlichen, die mir Vertrauen schenkten. Aus Kolleginnen und Kollegen, mit denen ich mich auseinandersetzte, von denen ich lernte und mit denen ich schließlich immer stärker zusammenwuchs.

Auch für mich selbst war diese Zeit ein Lernprozess. Gerade am Anfang merkte ich, wie sehr ich mich auf eine andere Sprache, andere Regeln und andere Vorstellungen von pädagogischer Arbeit einstellen musste. Nicht jede Einheit funktionierte, nicht jede Kommunikation gelang und nicht jeder Konflikt ließ sich so lösen, wie ich es mir vorgestellt hatte. Ich musste lernen, meine eigene Rolle immer wieder zu hinterfragen und gleichzeitig Verantwortung zu übernehmen.
Mit der Zeit entstand Vertrauen. Ich leitete eigene Angebote, arbeitete zunehmend selbstständig und übernahm mehr Verantwortung. Sprachliche Barrieren wurden kleiner. Beziehungen wurden vertrauter. Besonders eindrücklich war für mich, wie sich die Zusammenarbeit mit den Jugendlichen entwickelte. Ein gemeinsamer Ausflug nach Port Elizabeth, Gespräche während der Fahrt oder ein gemeinsamer Auftritt waren für mich keine großen pädagogischen „Programme“, sondern Momente, in denen Beziehung entstand.

Und dann war da immer der Glaube, der mich in der Zeit begleitete und zu einem Teil der Gemeinschaft im Oratorium machte.
Vielleicht liegt genau darin für mich der besondere Lichtblick.
Nicht darin, die schwierige Realität auszublenden, sondern darin, ihr etwas entgegenzusetzen: Glaube, Gemeinschaft, Vertrauen und die Möglichkeit, selbst etwas zu gestalten.
Nach meinem ersten Aufenthalt bin ich gegangen und später wiedergekommen. Beim zweiten Mal war Oudtshoorn nicht mehr nur ein fremder Ort. Es waren Menschen da, die ich kannte, Beziehungen, die gewachsen waren, und Erinnerungen, an die ich anknüpfen konnte. Gleichzeitig sah ich vieles mit anderen Augen.
Für mich ist das bis heute ein Bild für das Projekt: Die schwierigen Bedingungen verschwinden nicht. Aber gemeinsam kann etwas entstehen, das größer ist als die einzelnen Stimmen – und das Hoffnung möglich macht.

Janneke Seemann

(Janneke war 2019 und 2020 Freiwillige im Projekt)